Scheitern Autorin Lenuck

Besser Scheitern

Sein oder nicht Sein –das ist hier die Frage. Oder ist die Frage eher: Löschen, oder nicht löschen?

Isabel Lenucks WegIch bin ja ein sehr impulsiver Mensch und trage mein Herz meist direkt auf der Zunge. Das ist nicht immer klug, denn im (Geschäfts-) Leben ist das besonnene Handeln langfristig häufig intelligenter, als das impulsive. Ist es das? Wo liegt die Grenze zwischen Besonnenheit und Selbstverleugnung? Bück Dich hoch?

Wann ist es schlauer zu gehen (zu schreien, zu kündigen, auszuziehen) und wann nicht? Mit meiner ältesten Freundin Silke Schippmann, die zusammen mit Nicole Willnow die Gesellschaft für Resilienz leitet, diskutiere ich über die Frage, einen Facebook-Eintrag zu löschen. In diesem habe ich meiner Enttäuschung über ein lang erfolgsversprechendes und dann doch abgelehntes Projekt Luft gemacht. Ich habe dieses Scheitern öffentlich gemacht und mich gleichzeitig daran erinnert, niemals aufzugeben.

Einige Tage später überlegte ich, ob es nicht marketingstrategisch doch besser wäre, dieses Misslingen diskret zu entfernen und sich weiterhin als „alles-läuft-ganz-wunderbar-und-könnte-nicht besser-sein“ Produkt zu vermarkten. Wir berichten ja liebend gerne über unsere Erfolge und kehren die schwarzen Tage am liebsten unter den Teppich. Warum eigentlich?

Scheitern, unerfolgreich sein, zerplatzte Träume, des-Illusionierungen sind doch alles natürliche Vorkommnisse eines jeden Lebens. Es beginnt schon bei der Zeugung –nur 1 einziges von Millionen Spermien schafft es, das Ei zu befruchten. Alle anderen scheitern. 😉 Das setzt sich übers Essen-, Sprechen-, Laufen lernen (hinfallen, wieder aufstehen, wieder hinfallen, wieder aufstehen) fort, spiegelt sich im Liebesleben wieder (wie viele Frösche küsst Mann/Frau im Durchschnitt, bis der/die Richtige dabei ist?) und zeigt sich natürlich auch im Berufsleben.

Doch in Letzterem herrscht ein seltsames Tabu- Bloß nicht über Misserfolge sprechen und wenn, dann ein kostbares „Lerngeschenk“ draus machen. Ha ha ha, „Lerngeschenk“, ein fürchterliches, pädagogisches Dreckswort, aber es trifft den Nagel trotzdem exakt auf den Kopf: Es ist ein Geschenk, anhand dessen wir sehr viel lernen können.

Lernen, Geduld zu üben.

Lernen, uns kritisch zu hinterfragen.

Lernen, uns nicht zu verstellen.

Lernen, vom vermeintlich richtigen Weg runterzugehen und Neuland zu betreten.

Lernen, dem Leben gegenüber demütig zu sein.

Denn: Scheitern schärft unsere Sinne. Es lässt uns aus dem Trott aufschrecken, für das das Leben keine Zeit hat, es macht uns lebendig und wach und erinnert uns ziemlich brutal daran, dass nichts (!) im Leben beständig ist. Scheitern legt den Finger tief in die faule Wunde der Fassade, zerstört rabiat und macht damit Platz für einen Neuanfang.

Gerade sitzt man in Harmonie mit sich selbst und seinem Kosmos auf dem Sofa, ahnt nichts Böses, als der Ehemann nach Hause kommt und unvermittelt sagt: „Ich habe mich in eine andere verliebt.“

Klirr, klirr, klirr macht die schöne, heile Harmoniewelt und liegt in Scherben auf dem Wohnzimmerteppich.

Aber was ging denn nun wirklich zu Bruch? Wie ist es denn in der -ach-so-heilen-Welt dazu gekommen, dass er/sie fremdging? Untreue als Chance hört sich nicht gerade sexy an- ist es auf den ersten Blick auch nicht, kann aber auf der zweiten und tieferen Ebene dazu werden. „Das Leben ist nicht fair“ hat Grönemeyer in „Mensch“

schmerzvoll und richtig erkannt. Schmerz, Scheitern und Misserfolge gehört zum Leben dazu, ob wir wollen oder nicht. Die Hamburger Kunsthalle beschäftigte sich in der Ausstellung „Besser Scheitern“ ebenfalls mit diesem Thema und schrieb:

„Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat das Scheitern einmal als das große Tabu der Moderne bezeichnet. Erfolg und Karriere, Leistung und Gewinnmaximierung sind in unserer heutigen Gesellschaft mehr denn je gefragt. Für Niederlagen, Misserfolg, Verlust, Ernüchterung und Desillusionierung bleibt wenig Raum. Doch ist das Scheitern nur Misslingen? Oder kann sich aus der scheinbaren Niederlage nicht zugleich etwas ungeahnt Neues, Anderes entwickeln?“

Aber ist das Scheitern nicht gerade für den künstlerischen Prozess essentiell? Wäre es nicht geradezu absurd von einem Künstler zu erwarten, gleich beim ersten Versuch zu dem erwünschten Ergebnis zu gelangen? „Übung macht den Meister“ und „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ sind uns allen bekannte Sprichwörter. Aber warum tun wir dann so, als ob? Was bedeutet es für die Entwicklung unserer Gesellschaft, wenn wir Misserfolge tabuisieren? Wie verändert sich unser Verständnis vom Mensch-Sein, wenn wir nur mit jung-stark-schön-erfolgreich-Meldungen überhäuft werden?

Was ist mit all denen, die nicht jung-stark-schön-erfolgreich sind?

Das Leben und die Gesellschaft besteht aus vielen Einzelbausteinen. Die jung-stark-schön-erfolgreich-Bausteine sind nur ein Bruchteil des Ganzen, eine temporäre Erscheinung, genauso vergänglich, wandelbar und unstet, wie alles im Leben.

Was eben noch jung war, ist plötzlich alt. Was eben noch gesund war, ist plötzlich krank. Was heute reich ist, kann morgen bitterarm sein und umgekehrt. Alles wandelt sich.

Oft fühle ich mich den nicht-jung, nicht-schön, nicht-stark, nicht-erfolgreichen Menschen sehr viel näher, als den jung-stark-schön-erfolgreich- (Oberflächlichen?)… Ich spüre viel Authentizität und sehr viel Stärke. Diese Menschen kennen das Glück, haben aber auch das Unglück gekostet, besitzen dadurch einen reichen Erfahrungsschatz und strahlen (bestenfalls!) große geistige Reife aus.

Doch der Umgang mit Enttäuschungen muss erst einmal mühsam erlernt werden. Deswegen ist es eine Aufgabe von Müttern ist es, ihre Kinder „altersgemäß optimal zu frustrieren“. Hört sich ebenfalls nicht besonders sexy an, ist aber für die Persönlichkeitsentwicklung und seelische Reifung des Kindes sehr wichtig, denn man hat festgestellt, dass nur Puderzucker und Sahnehäubchen die Menschen schwächen, unselbständig und schlimmstenfalls lebensunfähig machen. Das Kind lernt also anhand kleiner, dosierter Enttäuschungen mit dem unangenehmen Gefühl des „nicht-bekommen-was-man-haben-wollte-und/ oder wie-man-es-sich-vorgestellt-hat“ umzugehen und ist somit für die unausweichlichen größeren Enttäuschungen des Lebens gewappnet. (Selbstverständlich sind bei der „optimalen Frustration“ großes Fingerspitzengefühl und Behutsamkeit angebracht!)

Doch muss man deswegen Scheitern öffentlich machen? Nein, muss man nicht. Aber man kann die Leute daran teilhaben lassen. Häufig projizieren wir unsere Träume, Sehnsüchte und Ideal-Vorstellungen auf andere Menschen (gerne Promis) und stilisieren sie so zu übermenschlichen Superwesen, die sie –natürlich- ebenso wenig sind, wie wir. Es tut uns gut zu sehen, dass auch sie alltägliche Sorgen und Probleme plagen, denn es rückt sie dadurch wieder in den Bereich der Normalos und bringt sie uns dadurch näher. Wenn wir erleben, wie sich andere aus Krisen herausbugsieren, kann uns das auch inspirieren, Misserfolge als nicht so dramatisch zu begreifen und den Mut entwickeln, einen neuen Versuch zu wagen. Aufstehen, einmal schütteln und weiterprobieren.

Und freuen wir uns nicht von Herzen mit anderen, wenn es ihnen gelingt, sich aus einer Krise herauszuarbeiten? Denken Sie nur an die vielzitierte J.K. Rowling.

„Sie war arbeitslos, hunderte Verlage haben sie abgelehnt, und nun ist sie Millionärin und alle lesen Ihre Geschichten von Harry Potter“. Das sind doch Geschichten, die uns inspirieren, das sind Never give up-Menschen, die uns Trost spenden. Insofern- Authentisch-Sein oder nicht Authentisch-Sein, Löschen oder nicht löschen?

Ich plädiere fürs Nicht Löschen und fürs Authentisch-Sein und freue mich darauf, beim nächsten Mal hoffentlich wieder etwas von den Höhen des Lebens berichten zu können… 😉

Bis dahin heißt es wie immer: Nutze den Tag- Carpe Diem!

 

 

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