Toleranz durch Ungleichheit

Paris 1999 verliebtMeine zweite Session des carpediemcamps 2014 „Toleranz durch Ungleichheit“ beschäftigte sich mit meinem derzeitigen Lieblingsthema „Der Mensch ist ungleich“.

Zunächst erzählte ich, dass ich immer wieder fasziniert davon bin, wie unterschiedlich Menschen ihre Umwelt wahrnehmen. Danach versuchten wir, an konkreten Beispielen von Konfliktsituationen in Partnerschaften (Müll rausbringen, Spülmaschine einräumen usw.) konstruktive Lösungsmodelle zu erarbeiten. Dazu berichtete ich von den üblichen Streitereien innerhalb meiner eigenen Liebesbeziehung.

Alle Session-Teilnehmer waren sich einig: Niemand möchte sich wegen einer schlecht eingeräumten Spülmaschine von seinem Lebenspartner trennen.

Innerhalb der Diskussion outete sich etwa die Hälfte der Teilnehmer in „Thorstens“ und die andere Hälfte in „Isabels“, also in diejenigen, die eher Chaoten (Thorsten) und diejenigen, die eher Pedanten (Isabel) sind. Interessanterweise sind die Thorsten-Chaoten in manchen Situationen penibel und pedantisch, in denen die Isabel-Pedanten absolut chaotisch und nachlässig sind.

So zeigte sich, dass verallgemeinernde Vorwürfe wie „nie räumst Du auf!“ von Seiten der Isabels nicht der Wahrheit entsprechen. Thorstens haben in diesem Punkt eine andere Wahrnehmung und sehen diesen Bereich als ordentlich an. Andere Aspekte von Isabels „Ordnung“ empfinden sie als chaotisch und unaufgeräumt. Wenn wir als Isabels also unseren Fokus auf eine ordentlich aufgeräumte Spülmaschine legen und uns diese wahnsinnig wichtig ist, dem Thorsten aber gerade der Aspekt einer aufgeräumten Schublade wahnsinnig wichtig ist (was uns piepegal ist), dann können wir Isabels nicht per se dem anderen vorwerfen, er räume nie auf und sei immer chaotisch, da sich unser Vorwurf nur auf die nicht aufgeräumte Spülmaschine bezieht…

Jeder hat eben eine andere Wahrnehmung und einen anderen Fokus!

Die Lösungsvorschläge für solche zwischenmenschlichen (Paar-)Konflikte sind ebenso kreativ wie persönlich. In der Beziehung von Herrn und Frau R. helfen gelbe Zettel, den Thorsten an die Wahrnehmung der Isabel zu erinnern und bestimmte Dinge zu tun.

Berührt und sehr nachdenklich gemacht hat mich folgender Satz einer Sessionteilnehmerin: „Ich bin auch eher ein Thorsten. Aber ich liebe meinen Partner sehr und ich möchte auch nicht, dass er auf mich sauer ist und sich womöglich nicht geliebt fühlt und respektiert fühlt, weil ich Dinge nicht wahrnehme, die ihm wichtig sind. Deswegen habe ich ihn um folgendes gebeten. „Liebe Isabel, hilf mir durch visuelle Codes die Welt ein bisschen so zu sehen wie Du, damit ich verstehe, was ich für Dich tun soll.“

Rausgekommen sind gelbe Erinnerungszettel, die Frau R. (=Thorsten) daran erinnern, Dinge von A nach B zu bringen, die Herr R. (=Isabel) dort braucht.

Als Fazit kann ich sagen: Diese Session „Toleranz durch Ungleichheit“ war sehr lebensnah und produktiv. Basis der Paarbeziehung ist und soll die Liebe sein, der Rest ist Verständnis für die gegenseitige Ungleichheit und der Wille zu individuellen, kreativen Lösungen.

In diesem Sinne: Carpe Diem!

Literaturtipp: Menschen (Peter Spier, Thienemann Verlag  ISBN 3 522 43485) –> Ein wunderbar illustriertes, leicht und witzig formuliertes Buch, das uns unsere Ungleichheit schön vor Augen führt. Empfehlenswert für Jung und Alt! 

 

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