Jetzt aber Tempo!

Jetzt aber tempo Vor einigen Jahren habe ich von meiner Schwiegermutter das Buch „Alles Espresso, Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung“ geschenkt bekommen. In diesem Buch von Prof. Geißler werden einige der zahlreichen Erfindungen, die uns das Leben erleichtern sollen vorgestellt, gleichzeitig reflektiert es aber auch über die Auswirkungen, die diese Beschleuniger auf unser Leben und unsere Gesellschaft haben.

Fahrstühle, Reißverschlüsse, Tempo-Taschentücher scheinen sinnvolle Errungenschaften einer sich beschleunigenden modernen Gesellschaft zu sein – und doch stirbt mit jeder Neuerung auch etwas altes, traditionell Gewachsenes. Am Beispiel des Taschentuchs lässt sich das einfach und schnell 😉 illustrieren: Das hygienische Wegwerftuch, das heute fast jeder benutzt, hat das quadratische Stofftuch von damals samt seiner ihm innewohnende Kulturgeschichte ausnahmslos ersetzt. Taschentücher dienten ja nicht nur dazu Nasensekrete aufzufangen, sondern waren – wie fast alle materiellen Güter, die Menschen verwenden – auch Träger sozialer Botschaften.

Sie waren wertvoller persönlicher Besitz, wichtiges Statussymbol und – im Gegensatz zu heute – keineswegs jedermann zugänglich. So glich ein geschenktes Taschentuch einem Liebespfand und wurde auch dementsprechend sorgsam gehütet. Das sorgfältige Besticken von Taschentüchern mit Monogrammen konnte auch dazu dienen, sich gedanklich schon einmal mit seiner neuen sozialen Rolle als Ehefrau auseinanderzusetzen usw.

Das Taschentuch ist nur ein Gegenstand von vielen, deren Funktion und Geschichte sich änderte, anpasste oder verschwand und meistens machen wir uns über diese Neuerungen wenig Gedanken und winken diese als „wieso, ist doch praktisch“ durch. So geht es mir natürlich auch.

Ich habe mir bis vor einigen Tagen noch keinen längeren Gedanken über Klettverschlüsse gemacht. „Wieso, ist doch praktisch“, dass 95 % der Schuhe für Kinder von 2-7 Jahre Klettverschlüsse haben. Was für ein Segen für Erzieherinnen! Bis die damit fertig wären, 20 Kindern die Schleife zuzubinden, wäre das erste Kind schon in seinem Schneeanzug geschmolzen und die Draußenzeit schon längst wieder vorbei. Klettverschlüsse an Schuhen sollen Kinder früher selbstständig machen und ihnen dabei helfen, in einem rabiat durchgetakteten Alltag besser zu überleben:

„Jetzt aber Tempo!“ und raus aus den Federn und rein ins Auto und raus auf den Schulhof und rein in die Kantine und raus zum Sportkurs und rein an den Schreibtisch und raus in den Supermarkt und alles in einem Affentempo, damit wir alles, aber auch alles, in kürzester Zeit unter einen Hut bekommen.

Die Anforderungen unseres Alltages sind hart und diese kleinen „Helden der Alltagsbeschleunigung“ kommen uns da gerade Recht. Reißverschlüsse sind praktischer als Knöpfe (überlegen Sie mal die Zeitersparnis!), Rolltreppen beschleunigen unsere Wege senkrecht und auch waagerecht, Fahrstühle katapultieren uns in Sekunden vom Erdboden in den 13. Stock (nein, das stimmt eben nicht, in vielen Hochhäusern gibt es nämlich gar keinen 13. Stock. So fortschrittlich sind wir ja nun auch nicht!

Wozu braucht der Mensch dann noch Schleifen statt Klettverschlüsse? In der Novemberausgabe 2014 vom Apothekenheft „Baby und Familie“ schreibt die Ergotherapeutin Silke Scholz kritisch über die schrittweise Abschaffung dieser banal wirkenden einfachen Tätigkeiten durch „Alltagsbeschleuniger“. Augenscheinlich Banales trainiert in Wahrheit wichtige Fähigkeiten:

„Zum Binden einer Schleife gehört nämlich ziemlich viel: zum Beispiel die Fähigkeit, den Daumen anderen Fingern gegenüberzustellen. Das müssen Kinder ebenso erlernen wie mit beiden Händen zeitgleich unterschiedliche Dinge zu machen. Fürs Schleifebinden brauchen sie Fingerspitzengefühl, müssen also lernen, ihre Kraft richtig zu dosieren. Außerdem erfordert es eine gewisse Wahrnehmung und nicht zuletzt eine logische Handlungsplanung […] Schließlich werden diese Fertigkeiten, die den Kindern beim Schleifebinden mit der Zeit in Fleisch und Blut übergehen, auch bei Schreiben benötigt. Zum Beispiel, wenn sie lernen müssen, den Füller richtig zu führen und damit Buchstaben zu formen.“

Nun mag man sich fragen, ob ich keine anderen Sorgen habe, als mir Gedanken über Klettverschlüsse zu machen. Doch! Ich frage mich nämlich auch, was wir mit all dieser vermeintlich „gesparten“ Zeit anfangen wollen…?

Wir tun so viel, um unseren Alltag zu beschleunigen, um schneller und effektiver zu werden, um Zeit zu sparen. Wir schaffen tausende nützliche Küchengeräte an, kaufen schnellere Computer und benutzen Abkürzungen, wo auch immer wir können. Aber wofür sparen wir Zeit?

SO EINE DÄMLICHE FRAGE! Natürlich um zu entspannen! All die Hetze um Zeit zu sparen nehmen wir auf uns, um dann im Urlaub mal so richtig zu relaxen, die Seele baumeln zu lassen, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen

Aber stimmt das? Was geschieht mit unserem Geist, unseren Gedanken, unserem Verhalten, wenn wir durch 95 % unseres Tages hetzen, kaum nach links und rechts schauen, sondern immer nur das nächste Etappenziel im Blick haben? Wie verändert sich dabei unsere Denkstruktur? Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie der Universität Göttingen schreibt in der Happinez (Nummer 8, 2013H) zum Thema „Gelassenheit“ folgendes:

„Wir gehen nicht behutsam genug mit der Gegenwart um. Wenn man sich aber immer auf das Nachher fixiert, begibt man sich in einen Zustand permanenter Atemlosigkeit: Das, was ist, ist dann nie perfekt. Man verliert das Jetzt aus den Augen – was absurd ist, denn wir leben nun mal jetzt und nicht morgen und übermorgen. Man wird gehetzt und nervös, oft auch unfreundlich und gereizt, weil nie etwas schnell genug gehen kann. Wenn wir uns aber konzentrieren auf das, was wir gerade tun, wenn wir dieser Tätigkeit sorgfältig und aus vollem Herzen nachgehen, wenn der Weg Teil des Ziels wird, verschwindet die Genervtheit, und es entsteht wie von selbst ein Gefühl der Entspannung.“

Vielleicht ist es das, was mit dem Spruch „Vor der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen. Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ gemeint ist? Nämlich dass einen diese ganze Hetzerei „auf dem Weg zum Ziel“ daran hindert, das Ziel zu erreichen. Dass wir vor lauter Gewöhnung an den permanenten Schweinsgalopp gar nicht mehr – und schon überhaupt nicht zu Weihnachten oder in Urlaub! – wissen, wie Entspannung geht und uns dann im Urlaub wundern, dass wir uns auch unter Palmen gestresst und unglücklich fühlen.

„Das Ziel ist im Weg“ zitierte neulich ein Freund lachend die neueste Version von „Der Weg ist das Ziel“, als ich ihm von meinem stressigen Alltagsschwierigkeiten vorjammerte, die häufig daraus resultieren, dass ich nicht nur tausend Dinge an einem Tag tun möchte, sondern diese auch schnell, hundertprozentig und gleichzeitig tun will. Durch die permanente zeitliche Beschleunigung gepaart mit dem derzeitigen Lieblingsfetisch der modernen Gesellschaft „Gleichzeitigkeit“ sind wir in einen Strudel geraten, der uns nicht nur von uns selbst, sondern auch von allen anderen entfernt.

Wir (also ich jedenfalls) sind immer häufiger „mit den Gedanken woanders“, können uns immer weniger auf das Gegenüber konzentrieren, sind ungeduldig und noch bevor der andere seinen Gedanken überhaupt zuende formuliert hat, haben wir ihn schon mit Totschlagargumenten niedergeredet. Wir schielen aufs Handy, während uns das Kind etwas von seinem Schultag erzählt, oder liegen physisch neben unserem Liebsten im Bett, sind aber in Wirklichkeit gedanklich via Fetisch Smartphone bei unseren FB Freunden… All das geschieht, weil wir alles gleichzeitig wollen und man uns vorgaukelt, dass dies auch möglich ist. Ist aber nicht so, wir gewinnen mit der Gleichzeitigkeit nichts dazu sondern verlieren eigentlich nur alles um uns herum.

Nun könnte man diese Grübeleien als Grübeleien abtun, die auch wieder vergehen, wenn die Tage länger werden und wir alle mehr Tageslicht und dementsprechend bessere Laune bekommen. Für mich aber stecken mehr als die Weihnachtsblues-Hormone oder die November-Depressionen hinter diesen Überlegungen.

Der mittlerweile sehr bekannte Ausspruch:

„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte/ Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen/ Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten/ Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter/ Achte auf Deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“

der durch die eilige 😉 Google Recherche zunächst dem Talmud, dann Charles Reade, letztlich aber einer chinesischen Sprüchesammlung zuzuordnen ist (?) bringt das Problem gut auf den Punkt:

Die Basis unserer Handlungen stellen unsere Gedanken dar, sie entscheiden über unser „Schicksal“ (Werdegang, Karriere, Leben, Dasein, Wirken, Sein etc.). Es ist also nicht schlecht, sich zunächst einmal mit der Struktur seiner Gedanken auseinanderzusetzen, wenn man sich beispielsweise unglücklich oder unzufrieden fühlt, bevor man die äußeren Umstände dafür verantwortlich macht. Häufige Gedanken werden zu Handlungen und Gewohnheiten. Und letztere sind wie unangenehm aufdringliche Gäste, schwer wieder loszuwerden.

Ich frage mich also ernsthaft und in Ruhe:

Warum fühle ich mich so? Was läuft in meinem Leben schief? Sind es äußere Umstände, die ich ändern müsste? Oder ist es etwas Inneres, das mich so quält? Was genau belastet mich? Woher kommt die Unzufriedenheit? Diese innere Leere? Das permanente Gestresst-Sein? Bin ich wirklich so schrecklich gestresst oder sind es nur meine Gedanken, die so im Kreis herumjagen? Und wer ist eigentlich der Chef von meinen Gedanken? Bin ich Chef oder sind meine Gedanken Chef?

Wie bereits erwähnt, ist die einzige reale Zeit das JETZT. Ich kann die Zeit nicht verändern, sie entzieht sich meinem Zugang. Aber ich kann sie anders wahrnehmen indem ich mich immer wieder kritisch hinterfrage: Wo bin ich gerade? Schon wieder weit in der Zukunft? Wieder in der Vergangenheit? Was ist hier und jetzt? Wer ist hier und jetzt? Fürchte ich mich vielleicht vor der Stille, die sich ganz sanft hinter all der Geschäftigkeit verbirgt? Fürchte ich mich davor, mich zu fragen, wer ich bin?

Um erstmal äußere Ruhe zu schaffen, gibt es kostenfreie und sofort anwendbare Mittel: Ich kann mir selbst Abstinenz verordnen, um Ablenkung zu reduzieren und meine Gedanken zu beruhigen. Handy-Abstinenz (An einem Tag in der Woche?). Facebook-Abstinenz (Vielleicht das ganze Wochenende? Oder nach 23 Uhr?). Glotze-Abstinenz (Was könnte ich sonst abends tun?). Rausgehen-Abstinenz (Bin ich out, wenn ich zu Hause bleibe?). Nutzloses Geplapper-Abstinenz (Ich verschone die Welt mit meinem sinnlosen Blog-Geschwafel) etc.

Damit komme ich vielleicht mal wieder zum Durchatmen und lebe für einen kurzen Augenblick im Jetzt. So wie ich es einst vor langer Zeit einmal tat, als ich noch nicht freiwillig ins Hamsterrad gezogen bin und mich irgendwie … glücklicher und weniger gestresst gefühlt habe.

In diesem Sinne: Carpe Diem!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.