Jakob wird Fußballtrainer- eine Kurzgeschichte

Jakob wird Fußballtrainer

„Wenn ich groß bin, werde ich Fußballtrainer.“ verkündete Jakob dem blauen Himmel und der Geschwisterrunde, die sich auf der Wäschewiese zum täglichen Wolkengucken traf.

Wenn die Sonne direkt über ihnen stand und die Kinderschatten vom Erdboden verschlucken ließ, lagen Anna, Jakob und Bruno meist satt und faul auf dem Rasen. Um sie herum spannte sich die Wäscheleine, an denen die viele frischgewaschene Wäsche kraftlos herunterhing. Ihre Kinderkleidung wirkte seltsam hohl und leer. Man hätte denken können, sie wäre leblos, hätte sie ihnen nicht von Zeit zu Zeit ein Lebenszeichen in Form eines schwachen Winkens zugesandt.

Isabel war irgendwo auf dem Grundstück unterwegs, oder in ihrem neuen Geheimversteck, „das Reich der sieben giftigen Schlangen“, in dem sich jeder unter 7 Jahren zu Staub verwandelte, und zu dem die kleinen Geschwister deswegen aus Sicherheitsgründen auch keinen Zutritt erhielten.

Sie machte fast nie beim Wolkengucken mit. „Wolkengucken ist nur etwas für Kleinkinder.“ sagte sie hochnäsig, „und dafür bin ich nun wirklich schon lange zu groß.“

Manchmal allerdings kam sie doch unerwartet dazu und erschreckte sie die Kleinen dabei absichtlich. Wie ein kleiner Teufel schlich sich von hinten an, versteckte sich dabei sehr geschickt, um dann urplötzlich kreischend hinter einem der Bettlaken hervorzuspringen. Manchmal erschien sie aber auch als lieber Engel. Dann kletterte sie auf die hohe Regentonne, verbarg sich wieder hinter den bleichen Laken und ließ Rosenblätter auf ihre Schwester hinabregnen. „Ich soll Dir von den Feen diesen Gruß überbringen, meine schöne Schwester“, rief sie dann zärtlich aus ihrem Versteck heraus.

Jakob fand die Idee, seine Schwester Anna zu überraschen so toll, dass er den Feengruß mit seiner Gummispinne wiederholte, die er von einem Stock baumelnd auf Anna springen ließ- mit einem anderen Resultat allerdings, nämlich dass Anna kreischend aufsprang, Jakob wütend von der Tonne stieß, der sich dabei die Lippe aufschlug woraufhin Isabel gewaltigen Ärger bekam, da Mama aus Jakobs und Annas Schluchzen nur verstanden hatte, dass es ursprünglich Isabels Idee gewesen war, auf die Tonne zu klettern.

Nun aber dachte niemand mehr an diese Geschichte. Isabel war verschwunden und die Wolken waren heute besonders geheimnisvoll und schwer zu enträtseln. Die Geschwister waren sehr geübte Wolkenseher und wetteiferten darum, die Himmelsfiguren als erste zu entschlüsseln, die wie Sahneberge auf einem blauen Fantasiegetränk mal schneller und mal langsamer vorüberglitten. Manche Wolken kamen allerdings schon ganz dünnwandig an und wurden, noch bevor die Kinder ihre Form identifizieren konnten, von der Sonne aufgeschlürft.

Im Frühjahr, wenn der Boden noch halb durchgefroren war, erlaubte nur ein durchgängig kräftiger Sonnenschein ein längeres Liegen am Grasboden und das feuchte und kalte Gras piekste die Kinder im Nacken und in den Kniekehlen. Hielt eines der Sahneberge zu lange vor der Sonne an, kam die grausige Kälte mit großen Schritten aus der ewigen Dunkelheit der Erde heraufgekrochen, und versuchte die Kinder zu umschlingen, sie zu ergreifen und in das Reich ihrer verstorbenen Urgroßeltern und all der anderen Toten, die tief in der Erde wohnten, hinabzuzerren.

Spürte Anna es als Einzige? Oder fühlten es auch Jakob und Bruno? Sie lagen ganz erstarrt im Schatten der grauen Wolken –dachten sie, nein, fürchteten sie das Gleiche wie Anna: Dass sich gleich im nächsten Augenblick der Boden auftäte und sie alle verschlänge?

Was würde Mama dann sagen, wenn ihre Kinder nicht mehr auf der Wäschewiese lägen? Wo sollte sie suchen? Würde sie die trocknende Wäsche befragen? Aber ach –was konnten die dummen Wäschestücke schon sagen? Sie hatten ja keine Münder. Vielleicht würden sie aufgeregt winken? Aber ach – würde Mama sie verstehen?

Jetzt wurde es immer kälter und Anna konnte es kaum mehr am Boden aushalten, sie wollte sich sofort aufsetzen und nie, nie wieder hierher an diesen schrecklichen Ort kommen – als die Sonne plötzlich das dunkle Wolkengitter durchbrach und Jakob weiterredete:

„Wenn man Fußballtrainer werden möchte, muß man schon früh anfangen, dafür zu arbeiten. Ich weiß das genau.“ Er drehte sich auf die Seite, stützte sich auf einen Ellenbogen auf und blickte Anna nun direkt ins Gesicht.

„Mit seinen langen lockigen Haaren, die sein Gesicht umrahmen, sieht er wie ein lieber Blumenkohl aus.“ dachte sie.

„Ich habe im Park einen alten Mann gesehen. Er stand auf der Wiese und war umringt von Hunderten von Tauben und Möwen. Erst dachte ich, er füttert sie bloß, so wie das Alte oft machen. Aber dann habe ich gesehen, dass er mit ihnen redet. Ich bin hingegangen um ihn zu fragen, was er mit den Vögeln redet. Und er hat es mir erklärt.“

Jetzt senkte Jakob die Stimme ein wenig, um die Geschwister näher an sich heranzuholen und die Kinder rutschten gehorsam weiter an ihn heran.

Die Pullover auf der Wäscheleine verrenkten sich ihre Hälse, um das Gespräch weiter mitzuverfolgen, hatten aber kein Glück. Die Hosen zogen und zerrten an den Wäscheklammern um sich loszureißen und hinzulaufen. Was sprach Jakob da? Was sprach Jakob da? Warum verstanden sie nichts? Sie flüsterten der Bettwäsche zu, die Ohren aufzusperren und ihnen alles zu erzählen, aber die hochmütige Weißwäsche gab sich vollkommen desinteressiert an den Gesprächen kleiner Jungs und wandte sich demonstrativ zur anderen Seite ab. „Wir finden Blumen wirklich interessanter, Entschuldigung!“ sagten sie gehässig zu den neugierigen Hosen und Pullovern.

So konnten diese nichts anderes tun als abzuwarten und darauf zu hoffen, dass ihnen die anderen Kleidungsstücke, die gerade jetzt ganz nahe an den Kindern dranwaren, alles erzählen würden, wenn sie in den Kleiderschrank heimkämen.

„Die Tauben lassen sich zwar gut trainieren“ sprach Jakob weiter, „aber sie sind nicht ganz so schnell wie die Möwen. Deswegen bildet der Trainer die Möwen auch zu Stürmern aus und die Tauben zur Außen- und Innenverteidigung. Sie schützen auch das Tor. Und sie sitzen natürlich auch auf der Austauschbank, falls ein Spieler mal ausfällt.“

Anna saß in einem Kreis aus Sonnenschein ganz warm und geborgen. „Aber wie trainiert er die Vögel?“ wollte sie nun wissen.

„Das ist natürlich Trainergeheimnis! Glaubst Du, er würde jedem Fremden seine Trainertaktik verraten?“ antwortete Jakob wütend. Doch dann beruhigte er sich wieder. „Nur soviel hat er mir gesagt: Das Wichtigste ist es, das Vertrauen der Spieler zu gewinnen. Nur dann tun sie, was Du ihnen sagst. Also gewöhnt er die Tauben und Möwen erst einmal an sich, indem er ihnen regelmäßig Futter bringt. Sie kennen ihn schon ganz genau. Kaum stellt er sich auf dem Trainingsfeld auf und ruft ein paarmal, kommen sie schon angeflattert. Das solltest Du mal sehen. Aus allen Himmelsrichtungen kommt die Mannschaft innerhalb von wenigen Minuten zusammen. Sie umringen ihn, begrüßen ihn, drängen sich dicht an ihn heran. Jeder will seinen Rat hören. Zuerst macht er leichte Aufwärmübungen, aber schon bald nimmt er die Jungs richtig hart ran. Er wirft die Brotkrumen hoch in die Luft. Und die Möwen müssen sie -aus der Luft heraus- auffangen!“

„Aber warum gibt er ihnen das Brot?“ fragte nun Bruno, der den ganzen Ausführungen seines Bruders die ganze Zeit über still und mit offenem Mund gelauscht hatte.

„Na ist doch ganz logisch. Sie sollen ja für ihre Arbeit belohnt werden. Jetzt jagen sie noch hinter den Brotkrumen her, aber später verfolgen sie den echten Ball.“

„Aber warum trainiert der Mann nicht mit richtigen Fußballern anstatt mit Vögeln?“ wollte jetzt Anna schon wieder wissen.

Jakob zuckte mit den Schultern. „Naja, weil er eben zu alt für die Jungs geworden ist. Der Mann war bestimmt schon neunzig. Früher hat er echte Mannschaften trainiert, einmal sogar die Nationalmannschaft. Aber nun sollen das die Jungen machen, hat er gesagt. Er trainiert bloß noch zum Spaß. Und solange ich zu jung für eine eigene Mannschaft bin, mache ich es genauso. Ich übe mit Vögeln.“

Als hätten sie es verabredet, blinzelten plötzlich alle drei hoch in den Himmel, so, als erwarteten sie das Eintreffen von Jakobs Fußballmannschaft. Ganz hoch oben am Himmel flog grade ein einsamer Vogel vorbei.

Jakob sprang auf und schrie: „He, hallo Vogel, willst Du lernen, wie man Fußball spielt?“

Doch der Vogel wollte scheinbar nicht, denn er flog einfach weiter ohne den Kopf auch nur einmal zu drehen.

„Macht nichts!“ sagte Jakob leichthin. „Der war eh zu weit weg, der hat mich nicht gehört. Aber morgen fange ich an, meine Mannschaft zusammenzustellen und zu trainieren.“

Bewundernd blickten Bruno und Anna Jakob an. Dann sanken ins sonnenwarme Gras zurück und blickten auf der Suche nach geeigneten Mannschaftsmitgliedern noch lange in den blauen Himmel hinauf.

 

Jakob wird Fußballtrainer ist eine Kurzgeschichte aus “Das 94. Haus”

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