In flagranti erwischt
In flagranti habe ich ihn erwischt, diesen Mistkerl! Geahnt hatte ich es schon länger, aber beweisen konnte ich ihm bisher nichts. Bis zu jenem Abend…
… an dem ich ihn, diesem Schuft von einem Kater, in flagranti dabei ertappte, wie er unter mein Fenster pinkelte!
Wochenlang war ich schnuppernd durch meine Wohnung getigert, verzweifelt auf der Suche nach der Quelle dieses bestialischen Gestankes, der quer durch alle Räume waberte. Schnüffelnd hatte ich Gardienen, Schränke, Teppiche, Ecken und Sofas untersucht, alle Räume mit Domestos ausgewischt und –und das war des Schlimmste – meine eigene Katze ungerecht und grundlos des Auswärtspinkelns beschuldigt.
Nun sah ich den wahren Übeltäter und ballte die Fäuste vor Wut. WARUM AUSGERECHNET ICH? KONNTE MAN DENN NIEMALS SEINE RUHE HABEN? KEHRTE DENN NIEMALS FRIEDEN EIN?
Diese Vorwürfe ans Universum richtend, brütete ich vor mich hin. Gerade war ich in diese perfekte Wohnung gezogen, gerade hatte ich den letzten Störenfried hinter mich gelassen:
In einer Wohnung qualmte jemand permanent von unten herauf, in der nächsten hustete ein anderer ganze Nächte von oben herab, in der dritten saugte einer jeden Morgen um 7:30 Uhr. Kurz: Es gab immer irgendeinen Störenfried.
In diesem Augenblick durchzuckte mich ein unbequemer Gedanke: Vielleicht waren es gar nicht immer die ANDEREN, die meinen Frieden zerstörten, sondern ICH SELBST, weil ich dem solch großen Raum gab?
Wo gibt es ihn denn, den harmonisch perfekten Raum, den Ort, an dem alles gut ist und NICHTS stört? Gibt es den überhaupt?
Oder sind wir nicht vielmehr so gestrickt, dass uns immer irgendwas irgendwie nervt, weil dieses Genervtsein im Grunde ein Ausdruck des inneren Mangels und der inneren Unzufriedenheit ist?
Haben äußere Umstände und äußere Objekte überhaupt die Kraft, uns permanent glücklich zu machen? Ich denke nicht, denn sonst wurden wir nach dem Kauf der ersehnten IPhones, Porsches, Küche, Couchgarnitur, Schmuck, Sofa etc. etc. doch für immer zufrieden sein. Schließlich haben wir uns so lange darauf gefreut und uns so oft vorgestellt, wie glücklich wir dann sein würden…
Aber ganz das Gegenteil ist der Fall. Zwar erfreuen wir uns eine Zeitlang an dem, was wir lange ersehnt und nun angeschafft haben, aber nach einer Weile stellen wir dann doch wieder die Mängel an diesem Objekt fest, werden unzufrieden, mäkeln und kritisieren und sehen uns nach etwas anderem um.
Genauso ist es mit der Katzenpisse. Wenn die Katze nicht in den Garten pinkeln würde, wäre es herabfallendes Laub, die Dunkelheit durch die Bäume, der Strassenlärm, das verdreckte Treppenhaus usw. usf., was uns irgendwann stören und Anlass zum Streit geben würde.
Die Lösung liegt –wie so oft – in einem selbst. Natürlich müsste ich schon sehr, sehr lange meditieren, damit mich der Katzengeruch nicht mehr stört. Dazu bin ich zu ungeduldig, deswegen werde ich selbstverständlich alles tun, um die Katze liebevoll aus meinem Garten zu vertreiben (also die äußeren Umstände zu verändern).
Dennoch werde ich gleichzeitig versuchen, auch an meinem Geist zu arbeiten, nämlich insofern, als dass ich dieses innere Gemecker, Gezeter, Geärgere, Geschimpfe abstelle. Denn durch dieses Gerede erscheint das Problem gleich dreimal so groß. Je öfter ich mich über irgendetwas aufrege, umso mehr bläst sich diese Geschichte auf.
Wie gesagt, it’s your mind that creates your world.
Gegen innerlichen Ärger hilft nur die Kraft des Mitgefühls. Mit Mitgefühl werde ich an den hustenden, qualmenden, staubsaugenden Nachbarn denken und versuchen, ihn in seinen Bedürfnissen nach Nikotin, Erleichterung durch Abhusten und Sauberkeit zu sehen. Mein Ärger wird nachlassen und dadurch werde ich ihm bestimmt besser und weniger aggressiv meine Bedürfnisse nach Frischluft, nächtlicher Ruhe und Ausschlafen näher bringen können. Vielleicht gibt es ja einen Kompromiss, damit wir beide zu unserem Recht kommen? Unsere Bedürfnisse sind schließlich gleichrangig, seine wie meine (mit Ausnahme von Katzenpinkelbedürfnissen versus Frischluftbedürfnissen!!!)
Am Ende sitzen wir alle im selben Samsara-Boot und müssen versuchen, miteinander auszukommen. Innerlicher Ärger und Zank unter der Bootsmannschaft hilft uns wenig, den Fluss des Lebens zu überqueren, im Streit kentert höchstens das Boot. Ans andere Ufer gelangen wir nur, wenn wir alle zusammen rudern.
In diesem Sinne: Keep cool and relax 😉
Liebe Isabel!
Dein Text, entwickelt über nervende “Katzenpisse” hat mir sehr gefallen! Leider werden solche Gedanken jedoch nur von denjenigen aufgenommen, verstanden und bearbeitet, die ohnehin wohlmeinend sind und “Bescheid wissen” über das Boot, in dem wir alle sitzen! Leider gilt, nach meiner Erkenntnis, viel mehr das Wort: “Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt”! Gern würde ich Dir umfangreicher schreiben und mich für Deinen liebevollen Brief revanchieren! Schicke mir daher bitte Deine Mailanschrift!
Liebe Grüße
Peter
Lieber Peter,
danke für Deinen Kommentar und Deine Gedanken zu dem kleinen Artikel. Ich glaube, dass so ziemlich alle an ihrem Geist bzw. an sich arbeiten müssen, eben damit das Boot nicht kentert… Seltsam ist, dass sich der Geruch fast im selben Augenblick verflüchtigte, als ich mich nicht mehr drüber aufregte 😉 Komische Welt. Meine Mailadresse schicke ich Dir zu!
Liebe Grüße
Isabel