Das Findelkind im Gartenhaus

Isabel Lenuck AbenteuerDas Findelkind im Gartenhaus

Es war der 24. Dezember. Die Heilige Nacht. Allmählich senkte sich tiefe Stille über die Stadt. Die Straßen waren menschenleer. Seit dem Nachmittag fielen dicke weiße Flocken von Himmel und bedeckten das ganze Land mit einem weißen Teppich, der allen Kummer bedeckte und die Welt in eine unversehrte Traumlandschaft verwandelte.

Auch im Kindergarten der Tiere war es still und friedlich. Die Papageien Theo und Leo schliefen auf ihrer Stange. Der dicke weiße Fisch Balthasar schwamm gemütlich in seiner Höhle und dachte über den vergangenen Tag nach. Auch die Mäuseschwestern Ella und Paula, sowie die alte Schildkröte Frieda waren zufrieden, mit dem was war. Jeder hatte seinen Platz. Es war gemütlich, es war warm, sie hatten alle gegessen und alles war gut.

Gerade wollten die Tiere einschlafen…

… als sie plötzlich seltsame Geräusche hörten. Ein Quietschen. Ein Knarren. Ein Aufschrei. Dann ein leises Wehklagen. „Miao, miao, miao.“

Keiner wusste genau, was es war. Aber es klang jämmerlich. Und es kam direkt aus dem Innenhof heraus. Da, wo das Spielhaus der Kita Kinder war.

Theo und Leo hörten es als erste. „Was ist das? Was ist das? Jemand miaut, jemand miaut!“ riefen sie einander aufgeregt zu und schlugen so wild mit den Flügeln, dass sie gleich ein dutzend bunte Federn verloren. Balthasar Fisch schaute misstrauisch aus seinen Höhle heraus. „Was ist denn los? Wer stört mich?“ blubberte er ärgerlich. Nun steckte auch Anton Frosch seinen Kopf aus dem Wasser. Und auch Ella und Paulas Nasen schnupperten neugierig aus dem Käfig.

Nun hörten sie alle das herzzerreißende Miauen. „Jemand muss nachsehen, was dort los ist!“ sagte Frieda, die dicke Schildkröte. Aber wer sollte es machen? „Wir haben keine Lust, uns schon wieder zu bewegen!“ sagten die Mäuseschwestern und kletterten in ihre Hängematte zurück. Die Minuten vergingen und das Schweigen im Raum wurde immer lauter.

Isabel Lenuck AutorinErneut erklang von draußen ein klägliches Miauen. Es war bitterkalt, schließlich war es Winter. Am großen Fenster des Spielzimmers hatten sich dicke Eisblumen gebildet. Keine Menschenseele war zu sehen. Wer konnte, blieb dick eingemummelt im warmen Haus. Die Schneeflocken fielen immer dichter und jeden Augenblick wuchs die Schneedecke höher.

„Wir müssen etwas tun.“ Sagte Frieda erneut. Aber es rührte sich immer noch keiner. Schließlich aber bewegte sich doch eines der Tiere. Mit einem Seufzen sprang Anton Frosch aus seinem Aquarium und hüpfte quer durch das Esszimmer, den Flur und die Küche zum Innenhof. Durch die große Glastür konnte er in den ganzen Hof schauen. Und da sah er es:

Isabel Lenuck KinderEs war ein kleines Kätzchen. Ein Findelkind, das ganz einsam und alleine unter dem Vordach des Spielhauses Schutz suchte. Es fror bitterlich und miaute kläglich. Als es den Schatten von Anton Frosch an der Hoftür sah, stapfte es durch den Schnee und kam an die Glastür. Mit großen Augen schaute es hinein. Und Anton Frosch schaute aus der Wärme hinaus zurück. Ihm schauderte! Schon hier drinnen war ihm fröstelig. Wie sehr musste erst das Findelkätzchen draußen im Schnee frieren?

„Wir müssen sofort etwas tun!“ dachte er. „Wir müssen dem Kätzchen helfen!“ Wo auch immer es herkam, was auch immer es wollte. Es konnte doch unmöglich die Nacht draußen verbringen! Schnell hüpfte es ins Spielzimmer zu Leo und Theo, die neugierig von ihren Stangen hinunteräugten.

„Was ist es denn? Was ist es denn?“ riefen sie Anton Frosch zu. „Es ist ein Kätzchen! Und es braucht unsere Hilfe!“ sagte Anton Frosch außer Atem.

„Eine Katze? Ohne Uns!“ Kaum hatten Theo und Leo das Wort Katze gehört, verschlossen sie ihre Käfigtür und sicherten sie mit einem doppelten und dreifachen Riegel.

Auch Balthasar Fisch erhob sofort Einspruch. „Eine Katze? Eine gefräßige fischfressende Katze? Ohne mich!“ Schnell stapelte er ein paar dicke Kiesel vor seinen Höhleneingang.

„Genau“ riefen nun auch Mäuseschwestern Ella und Paula mit schrillen Stimmen. „Eine Katze kommt uns nicht ins Haus. Und außerdem haben wir auch auf unserer Fensterbank überhaupt keinen Platz!“

Frieda Schildkröte runzelte die Stirn. „Die anderen Tiere haben Recht! Es ist voll genug bei uns. Sieh doch nur, wie dicht die Käfige und Aquarien stehen. Wo sollte hier noch Platz für eine Katze sein?“

„Und außerdem kennen wir die Katze gar nicht!“ blubberten nun Finni und Mats, die beiden Blaufische aus ihrem Korallenriff heraus. „Vielleicht führt sie Böses im Schild und frisst uns alle auf!“

Anton Frosch sah ihre abweisenden Gesichter, ihre strengen, furchtsamen Minen. Er war ganz verwirrt. Natürlich hatten die anderen Tiere irgendwie recht…aber irgendwie auch nicht.

Isabel Lenuck SpurensucheEr hüpfte so schnell er konnte in die Küche zurück und sah durch die kalte Fensterscheibe. Das Findelkätzchen hatte sich vor der Balkontür zusammengerollt. Es war schon ganz mit Schnee bedeckt. Nur seine kleinen Ohren schauten noch heraus. Nun konnte Anton Frosch es nicht länger aushalten.

„Das ist nicht richtig, was wir tun!“ rief er den anderen Tieren zu. „Natürlich ist es hier eng. Natürlich haben wir auch ein bisschen Angst vor der fremden Katze. Aber wir sind doch alles Tiere! Gehören alle zu einer Familie! Und diese Katze da draußen ist in Not. Sie wird sterben, wenn wir sie nicht hineinlassen!“

Da schämten sich die anderen Tiere plötzlich ganz furchtbar. Was waren sie hartherzig, was waren sie ängstlich. Was konnte eine so kleine Katze ihnen gemeinsam schon anhaben? War nicht in der Kita genug Platz für alle?

Gleichzeitig hüpften, flogen, krochen alle Kita-Tiere aus ihren warmen Behausungen heraus und zu der Balkontür hin. Die kleine Katze regte sich nicht mehr…

„Attacke Mäusezahn!“ schrien Ella und Paula. Nun übernahm Baltasar Fisch das Kommando: „Leo, Theo, ein Seil!“ schrie er laut aus dem Aquarium heraus. Im Nu war das Seil um den Türgriff geschlungen und alle Kita-Tiere zogen und zerrten mit vereinter Kraft. Gemeinsam schafften sie es, die Tür aufzustemmen. Frieda Schildkröte schob das Kätzchen über die Schwelle in den warmen Raum und Leo und Theo brachten es ins Puppenbett und deckten es mit warmen Decken zu.

Rasch war Milch eingefüllt und auch ein Stückchen Schinken gefunden. Mit letzter Kraft fraß das Kätzchen und fiel dann in einen tiefen, tiefen Schlaf. Die Tiere wachten die ganze Nacht am Puppenbett. Niemand sagte ein Wort. Würde das Findelkätzchen die Nacht überleben oder hatten sie zu lange gewartet?

Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, lag das Kätzchen noch immer im Puppenbett, umgeben von seinen Freunden der Tierfamilie. Vorsichtig öffnete es die Augen. „Miao?“ fragte es schüchtern.

Als die Tiere sein Stimmchen hörten, jubelten sie vor Erleichterung und fielen sich gegenseitig um den Hals. Sie hatten es geschafft! Sie hatten das Kätzchen gerettet! Aber was sollte nun werden?

Plötzlich klingelte es an der Tür. Als sie öffneten, stand da ein verweintes Mädchen. „Habt ihr zufällig meine kleine Molli gesehen? Sie ist gestern vom Balkon gestürzt und seitdem verschwunden.“

Isabel Lenuck Abenteuer Weihnachten„Miao!“ kam Molli auch schon angelaufen und stürzte sich überglücklich in die Arme ihres Menschenmädchens. Alle Gesichter strahlten vor Glück und Baltasar Fisch vergoss sogar eine Träne der Rührung. „Wie gut, dass sie das Kätzchen gerettet haben.“ dachten alle Kita-Tiere tief in ihrem Herzen.

 

Nun war es wirklich Weihnachten geworden…

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